Notizen eines Flugsimulations-Enthusiasten

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Filmjagd, Ken Takakura, Ryoko Nakano, Odaiba und Cessna 177RG

Der Filmstar Ken Takakura ist Ende letzten Jahres verstorben. Zur Erinnerung an diese Symbolfigur der Shōwa-Ära werden derzeit an vielen Orte seine alten Filme gezeigt.

An diesem Tag nahm ich zwei Freikarten der Firma und ging in ein kleines Kino in Odaiba, um mir anzusehen:

Die Jagd / 君よ憤怒の河を渉れ / You’re under arrest / Überquere den wilden Fluss

und

Der Beweis der Wildheit / 野性の証明

Zuerst zu „Die Jagd“ aus dem Jahr 1976: Dies war der erste Film, in dem Ken Takakura nach seinem Ausscheiden bei Tōei die Hauptrolle spielte, und auch der erste ausländische Film, der in Festlandchina nach der Kulturrevolution eingeführt wurde – er war eine absolute Sensation. Man sagt, dass ihn nach dem Start in China im Jahr 1978 insgesamt 800 Millionen Menschen gesehen haben, vermutlich ein Weltrekord. Die Titelmelodie, die Namen von Dūqiū (Takakura) und Zhēnyóuměi sind bei Festlandchinesen über 40 Jahren wohl allgegenwärtig.

Auch ich sah den Film mit nostalgischen Gefühlen – und wurde am Ende zutiefst bewegt.

Die Handlung ist in der Zeit des hohen japanischen Wirtschaftswachstums angesiedelt,可以说 historisch die prosperierendste Phase. Auch kulturell entwickelt sich meist ein Land in Wechselwirkung mit seiner ökonomischen Stärke. Im Film spürt man Lebenskraft, reiche Fantasie und sorgfältige Produktion. (Nach den 1980ern folgte die Phase der japanischen Bubble Economy; später setzte die Heisei-Krise ein, die über 20 Jahre anhielt. Im Vergleich zu damals ist das heutige Japan geradezu leblos, politisch zunehmend konservativ und nach rechts gerückt – wirklich bedauerlich.)

In den Details wirkt der Film wie ein Schnappschuss der Zeit: Straßen in Shinjuku, belebte Einkaufsmeilen, Luftaufnahmen der Tokioter Hochhäuser, Autos, Züge, Bahnhof von Nagano, Gebäude, Werbeschilder, Kleidung, Frisuren. Vieles davon wirkt noch vertraut, zum Beispiel der Fußgängerweg unter den Shinjuku-Gleisen. Manches ist der Geschichte übergeben, aber die im Film erhaltenen Spuren wirken keineswegs veraltet, sondern haben eine wundervolle, klassische Ästhetik.

Lange habe ich keinen Film mehr auf Zelluloid gesehen. Die Farben der analogen Technik sind so kräftig und warm; das unterscheidet sich von modernen digitalen Filmen, die sehr scharf, aber oft kühl wirken. Zwar hege ich keine Vorurteile gegen Digitaltechnik; aber wie ich ab und zu Schallplatten höre, schätze ich auch den Charme alter Analogtechnik.

„Die Jagd“ ist ein typischer Hollywood-Blockbuster der 70er: Der Held wird in die Enge getrieben und gejagt, ein gerechtigkeitsliebender Polizist mit Herz, eine reizende, reine Heldin, dunkle Machenschaften, politische Verschwörung, Morde, Großstadt, abgelegene Berge, Ranch, Meer, eine Notlandung, Polizei und Streifenwagen im Trubel der Stadt, mysteriöse Pillen – alles ist vorhanden. Während des Zusehens fiel mir der Film „The Fugitive“ mit Harrison Ford aus dem Jahr 1993 ein; viele Szenen sind durchaus ähnlich.

Ganz hervorragend natürlich das Image des harten Mannes von Ken Takakura und die zahlreichen Festlandchinesen den Atem raubende Zhēnyóuměi. Ryoko Nakano als Zhēnyóuměi wirkt pur, wie beabsichtigt. Mit dezenter Maske und vielen Nahaufnahmen, in denen man sogar Pickel sieht, bezaubert sie mit ihrer Ausstrahlung – jung, leidenschaftlich, mutig, eine Frau, die ihr Glück selbst sucht – einfach perfekt.

Im Film kommt eine Cessna 177RG vor; als Luftfahrtbegeisterter darf ich dieses Detail natürlich nicht auslassen. Das Kennzeichen lautete JA3611. Eine Recherche brachte einen Unfallbericht des japanischen Ministeriums für Land, Infrastruktur, Verkehr und Tourismus (MLIT) zutage. Am 1. März 1978, zwei Jahre nach der Japan-Premiere und im selben Jahr des Starts in Festlandchina, startete die Maschine vom Flughafen Chōfu und rutschte bei der Landung auf dem Zielflughafen Miyakejima über das Pistenende hinaus, wobei die Zelle mittelschwer beschädigt wurde. Die Wetterbedingungen damals: Wind aus 210–350 Grad, 18 Knoten, Böen bis 43 Knoten. Beim Landeanflug traf der Pilot auf heftige Abwinde, gab sofort Vollgas und wollte durchstarten, doch es war zu spät. Die Maschine sprang zweimal auf, bevor sie links neben der Piste aufsetzte. Nach dem Unfall verliert sich die Spur des Flugzeugs.

Die Cessna 177 Cardinal wurde 1968 als einmotoriges Leichtflugzeug in Hochdeckerauslegung eingeführt; Platz für einen Piloten und drei Passagiere. Ihr markantes Merkmal: keine Streben unter den Tragflächen. Cessna plante, die 177 als Nachfolger des sehr erfolgreichen 172 zu etablieren, doch leider wurde die 177 nur zehn Jahre gebaut. Hauptgrund: Viele Piloten meldeten Pilot-Induced Oscillations (PIO). Cessna nahm Änderungen vor, aber bei Piloten blieb eine gewisse Skepsis gegenüber dem Modell.

Cessna177RGLanding

Es gab drei Varianten: die frühe 177A, die spätere 177B und die 177RG mit einziehbarem Fahrwerk („retractable-gear“). Insgesamt wurden 4295 Exemplare produziert. Im Film ist eine 177RG zu sehen. Zu den Leistungsdaten der Cessna 177 siehe Wikipedia.

Zwischen den beiden Filmen gab es eine einstündige Pause, also spazierte ich am Ufer von Odaiba und entdecke dort eine historische Geschichte: 1853 traf der Amerikaner Perry mit seiner Flotte ein und zwang das isolierte Tokugawa-Shōgunat zur Öffnung. Aus Eilbedarf für die Verteidigung errichtete das Shōgunat hastig See-Batterien in der Bucht von Tokio, an deren Stelle heute Odaiba liegt. Ursprünglich sechs Batterien wurden geplant, aber wegen Geldmangel nicht alle fertiggestellt; vier wurden später abgerissen, heute sind noch zwei als historische Überreste erhalten.

Mein Eindruck von Odaiba war bisher künstliches Land in der Bucht von Tokio, mit Fuji TV, Museumien, Konferenzzentren – ein Vergnügungs- und Geschäftsviertel. Erst durch die Erklärungen am Ufer erfuhr ich von dieser Historie. Früher kam ich hierher, um mit Freunden herumzustreifen, Tennisturniere anzusehen oder Konzerte zu besuchen. Jetzt, wo ich die Geschichte kannte, ging ich zu den Batterien.

Ein älterer Herr am Ufer, der trinkt und Tauben füttert:

Die Überreste der Batterie:

Auf dem ganzen Gelände war nur ich.

Meer im feinen Dunst:

Fahrrad und Regenbogenbrücke:

Nur 10 Minuten vom lärmenden Geschäftsviertel entfernt, kann man so eine einsame, schöne Meereslandschaft genießen. Wer im Leben auf Details achtet, findet immer wieder Neues und Überraschungen.

Ende